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Da stand ich nun mit meinem leeren Becher und niemandem, der mit mir reden wollte.
Also beschloss ich, das Badezimmer aufzusuchen. Das Bad war in dem, wie ich fand,
ziemlich engen Gang neben der Eingangstür. Ich schlängelte mich durch die Menge und
stellte irgendwo den Plastikbecher ab. Endlich am Badezimmer angekommen, musste ich
leider feststellen, dass es besetzt war. Ich wartete geduldig.
Nach einer ganzen Weile ging die Tür auf und ich sah in ein verweintes Gesicht. Es war Julias.
Ich wich einen Schritt zurück.
»Keine Sorge, ich fass dich schon nicht an«, sagte die dunkelhaarige Schönheit und rollte mit den Augen.
Schönheit? Wo kam das denn jetzt her? Egal. Mir entging das Duzen nicht, trotz meines leicht
angetrunkenen Zustandes.
»Ich habe keine Angst. Ich wollte dir nur genug Platz lassen.«
Nach einer kurzen Pause fragte ich leise:»Hast du wegen mir geweint?«
Julia lachte humorlos. »Ich habe zwar noch nie etwas so Krankes gehört wie von dir, aber du hast nichts damit zu tun.«
Sie schaute mich einen langen Moment an, bevor sie erneut den Mund öffnete. Doch ohne etwas zu
sagen, schloss sie ihn wieder.
Eigentlich hätte es mir egal sein können. Ich wollte doch bloß
mal kurz das Bad benutzen. Aber ich war neugierig, warum eine Lesbe auf dem Geburtstag ihres
Bruders im Bad saß und weinte. »Warum hast du dann geweint?«
Julia betrachtete mich mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck, und ich trat einen weiteren Schritt zurück.
Nur um sicherzugehen. Vielleicht reichte ein freundliches Wort schon und sie würde …
»Nicht, dass es dich etwas angeht, aber mein Hund ist heute Morgen gestorben.«
Erfolglos versuchte ich, den plötzlichen Kloß im Hals runterzuschlucken. Julia biss sich auf die Unterlippe.
»Sag es nicht Daniel. Er mochte Dido sehr.«
»Dido? Dein Hund hieß Dido?«
In diesem Augenblick schlängelte sich jemand zwischen uns ins Bad und schloss die Tür. Hoffentlich würde er nicht so lange brauchen.
»Hast du ein Problem damit?«
Julia klang verletzt und ärgerlich zugleich.
Ich hob verteidigend die Arme.
»Nein. Kein Problem. Jemand, der seinen Hund Popeye nennt, hat wohl kein Recht, die Namensgebung anderer zu kritisieren.«
Das verweinte Gesicht hellte sich etwas auf, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte ich, bei Julia den Anflug eines Lächelns zu erkennen.
»Boxer oder Bulldogge?«
Ich schüttelte den Kopf.
»Popeye ist ein Beagle. Er ist unser Familienhund. Wir hatten ihn erst wenige Tage, als meiner Mutter der Kochtopf mit Spinat runterfiel. Sie fing an, den Boden aufzuwischen, da kam Popeye und schleckte auf, was er kriegen konnte. Und so wurde aus Chester, Popeye.«
Julias Mundwinkel schoben sich nach oben.
Sie hatte wirklich ein schönes Lächeln. Ähm … schön im Sinne von besser als weinen, natürlich. Na ja, wie dem auch sei, ich lächelte zurück.
Die Badezimmertür ging auf und der junge Mann, der sich vorgedrängelt hatte, kam wieder raus.
»Dido ist … war ein Golden Retriever«, sagte Julia.
»Ich habe sie als Welpen von meinen Eltern geschenkt bekommen. Da war ich so zehn oder elf, schätze ich. Wir waren fast keinen Tag ihres Lebens voneinander getrennt.«
Es zeichneten sich neue Tränen in Julias Augen ab, und wenn sie nicht … lesbisch gewesen wäre, hätte ich sie vermutlich umarmt. So streckte ich den Arm aus so weit ich konnte und klopfte ihr auf die Schulter. Sie sah mich an und ich zog die Hand sofort wieder weg. Nicht dass sie einen falschen Eindruck bekam.
»Kann ich dich was fragen, Scarlett?«
Oh mein Gott … würde sie jetzt versuchen, mich anzumachen? Verdammt, ich hätte nie nett sein dürfen.
»Was denn?«
Ich trat einen halben Schritt von Julia weg.
»Was hast du gegen Homosexuelle? Oder betrifft das bloß Lesben?«
»Ich finde es schlimm, wenn sich Menschen gehen lassen.«
Ich schüttelte den Kopf.
»Sicher, Homosexualität ist eine Krankheit, aber das heißt nicht, dass man nicht dagegen ankämpfen kann. Es ist keine Schande, krank zu sein. Aber man kann sich doch Hilfe suchen.«
Julias Augen wurden immer größer. Doch sie sagte nichts. Stattdessen starrte sie mich regungslos an.
»Kann ich dich auch etwas fragen, Julia?«
Sie zuckte mit den Schultern.
»Wie ist das passiert? Ich meine, wie konntest du … na ja, du weißt schon?«
»Lesbisch werden?«, fragte Julia.
»Äh … ja.«
»Scarlett, wie kann eine offensichtlich intelligente Frau, wie du es bist, so voll von Vorurteilen und, entschuldige meine Wortwahl, Bullshit sein?«
Wie sollte ich auf diese Anfeindungen reagieren? Ich hatte wirklich gehofft, eine Antwort zu bekommen. Doch offenbar war sie nicht gewillt, mir eine zu geben.
Ich öffnete gerade den Mund, um zu sagen, dass ich jetzt ins Bad gehen würde, als sie sagte:
»Man wird nicht lesbisch. Man ist es, oder man ist es nicht.«
»Man hat die Wahl, wie man lebt«, sagte ich.
Eine stark schwankende junge Frau drängelte sich an uns vorbei und schloss die Badezimmertür, bevor ich protestieren konnte.
Jetzt musste ich aber wirklich.
»Verstehe ich dich richtig?«, fragte Julia.
»Es geht nicht darum, lesbisch zu sein, sondern lesbisch zu leben?«
Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Offenbar zeigte der Alkohol seine Wirkung. Auf jeden Fall musste ich erst mal darüber nachdenken. Irgendwann nickte ich.
»Das trifft es nicht ganz, aber so ungefähr ist das richtig.«
»Was heißt ›nicht ganz‹?«
Julia lehnte sich mit einem Arm an der Wand neben mir an.
Mein Puls raste und ich schnappte nach Luft. Konnte sie nicht etwas weiter weg stehen?
»Man ist nicht lesbisch, wenn man nicht lesbisch lebt. Also … ich meine diese perversen Gefühle auslebt.«
Julia lachte laut.
Ich runzelte die Stirn.
»Was ist daran so witzig?«
Julia schaute jetzt wieder ernst und ihre blauen Augen schienen mich zu durchbohren.
»Du meinst ernsthaft, wenn ich …«
Sie grinste, bevor sie weitersprach.
»Also wenn ich dir die Kleider vom Leib reißen will oder darüber nachdenke, dich zu küssen, ich noch lange keine Lesbe bin, solange ich es nicht auch wirklich tue?«
Ich trat zurück, bis mein Rücken gegen die Wand hinter mir stieß.
»Das habe ich so nicht gesagt«, sagte ich mit heiserer Stimme.
»Allein solche Gedanken zuzulassen, ist doch schon krank.«
Ich holte tief Luft.
»Was ich meine ist, wenn man solche Gefühle hat, muss man das eben unterdrücken und sich einen andersgeschlechtlichen Partner suchen, um wieder zu Sinnen zu kommen.«
»Und du glaubst wirklich, dass es so funktioniert?«
Julia schüttelte den Kopf.
»Was für einen Sinn hat es, in einer heterosexuellen Beziehung zu leben, wenn man todunglücklich darin ist?«
»Man kann doch eine Therapie machen, wenn man unglücklich ist«, sagte ich.
»Im Übrigen ist alles besser, als seine perversen Gedanken auszuleben und unsere Kinder zu verderben.«
»Ist es das, was du tun würdest?«
Die junge Frau kam wieder aus dem Bad.
Ich blinzelte.
»Wovon redest du?«
»Wenn du Gefühle für eine andere Frau hättest, würdest du eine Therapie beginnen und dir einen Mann suchen?«
Ich musste einen Moment darüber nachdenken. Seit einem Jahr ging ich schon nicht mehr zur Therapie, aber dennoch fragte ich mich, was Frau Ringelfuß wohl dazu gesagt hätte. Mit ihr war es immer bloß um meine Unfähigkeit gegangen, mich auf andere, insbesondere Männer, einzulassen. Aber würde ich auch eine Therapie machen, wenn ich … stopp, was für ein lächerlicher Gedanke. Ich könnte niemals so kranke Neigungen entwickeln.
»Ich kann mir nicht vorstellen, jemals so … krank zu werden. Aber wenn etwas Derartiges passieren würde … ja, dann wäre mein erster Schritt sicher eine Therapie. Und es könnte auch nicht schaden, sich von den Vorzügen eines Mannes überzeugen zu lassen.«
Julia grinste.
»Die da wären?«
»Also, wenn du das nicht weißt, bist du wohl …«
»Was? Lesbisch?«
Bevor ich etwas sagen konnte, sagte sie ruhig:
»Im Ernst: Was sind die Vorzüge?«
Julia schmunzelte und wackelte mit den Augenbrauen.
»Vielleicht überzeugst du mich ja.«
Ihr Tonfall gefiel mir gar nicht. Flirtete sie mit mir? Ich ging ins Bad und schob die Tür zu, bis sie lediglich einen Spalt offen war.
»Auf dieser Party sind genug junge Männer, um genau das herauszufinden. Viel Glück.«
Ich schloss die Tür und drehte den Schlüssel im Schloss um.
Kurze Zeit später kam ich wieder heraus. Julia war zu meiner großen Erleichterung verschwunden. Obwohl ich die Unterhaltung auch irgendwie genossen hatte. Es war wirklich eine Schande, dass sie nicht normal war.
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